Pressestimmen

Die Mauern von Jericho könnten stürzen

Musikferien in der Toskana: Von Mozart bis zu Gospels

von Erich Kasberger (Süddeutsche Zeitung 10.9.1996)


Das erste Hörerlebnis ist umwerfend: 15 Kursteilnehmer blasen in ihre Saxophone, als wollten sie die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen. Aber das stört hier, mitten in den toskanischen Weinbergen, niemanden. Schräge Töne gehören einfach dazu, denn alle sind Anfänger - bis auf den Lehrer natürlich. Das Ziel ist es, dieser glänzenden Messingschlange mit Mundstück und Klappen nach einer Woche zumindest einige Schalmeienklänge entlocken zu können.
Die Idee, Musikferienkurse in der Toskana anzubieten, kam dem Konzertgitarristen Fabian Payr und seiner Frau Ariane vor einigen Jahren. Sie kannten genug Musik- liebhaber, die zu Hause alleine auf der Geige fidelten oder ihre Sangeslust nur der Badewanne anvertrauten. Es fehlte an Gelegenheit und Atmosphäre zum gemeinsamen Musizieren. Rund um Florenz fand das Ehepaar reizvoll gelegene Häuser wie "La Collina", ein kleines weißes Schlösschen in der Nähe von San Gimignano, oder "Casanuova", ein ehemaliges Kloster inmitten von Weinbergen. Hier lässt sich das Leben, die toskanische Landschaft, Fenchelwurst und Hauswein genießen und - musizieren.

Da gibt es Chöre für Gospel-, Jazz- oder Popbegeisterte, Gitarrenunterricht; Liebhaber der Kammermusik spielen Bach und Haydn, Freunde der Unterhaltungsmusik versuchen sich in der freien Improvisation. Für alle Kurse stehen erfahrene und geduldige Dozenten zur Verfügung. Einer von ihnen ist der Frankfurter Saxophonlehrer Bastian Fiebig. Ein Blick in seinen "Schnupperkurs" verrät, wie es musikalischen Frischlingen geht, die zum ersten Mal ein Sax in die Hand bekommen und mit dem Notenlesen nicht vertraut sind. "We are not amused", lautet ein Übungssatz, den Bastian mit gespitzten Lippen vorträgt. So lässt sich Lippenspannung trainieren, und die braucht man für eine saubere Tonbildung. Kleine Eselsbrücken helfen, dass die Finger die richtigen Klappen des Instruments erwischen. Das Saxophon erlaubt einen raschen Zugang und den kleinen Erfolg. Nach einigen Tagen blasen die Begabteren eine C-Dur-Tonleiter und versuchen sich an einfachen Improvisationen. Ohne Quietschen und Ächzen

Es gibt keinen Lehrplan, keine Prüfung, keinen Stress. Gelehrt wird nur, was gebraucht wird. Jeder wählt sein Lerntempo. Das macht allen Spaß. So swingen ein Lehrer, eine Sekretärin und ein Arzt mit ihren Instrumenten synchron in Big-Band-Manier. Peter, von Beruf Hausmeister, freut sich mit hochrotem Kopf über jeden Ton, den er seinem Sax ohne Quietschen und Ächzen entlockt. Fast allen ist am Ende der Musikwoche ihr Instrument ans Herz gewachsen, nur ungern trennt man sich davon. So beschließt der ganze Kurs, das Experiment Saxophon im Urlaub im folgenden Jahr einfach zu wiederholen.


Im Kammermusikkurs ist die Ausgangssituation eine andere. Hier muss jeder mit seinem Instrument einigermaßen vertraut sein und die Anfangsgründe schabender Bogengeräusche und wimmernder Vibratoversuche bereits hinter sich haben. "Einfach ist das nicht, einen selbsternannten Paganini und einen bescheidenen, aber soliden Kammermusiker in einem Ensemble unter einen Hut zu bekommen", meint Hans Joachim Greiner, Dozent für Viola und Kammermusik an der Hochschule der Künste Berlin. Über die Musik findet man sich. Auch Altersunterschiede spielen da keine Rolle: Die jüngste Geigerin, die hier in einem Kurs spielte, war zwölf, der älteste Teilnehmer über siebzig.

Die Kammermusikgruppen formieren sich am ersten Tag über eine Notenbörse selbst. Jeder wählt aus den mitgebrachten Noten, was er gerne spielen möchte. So können ein Haydn-Quartett, ein Mozart-Duo für Geige und Bratsche oder - ein Glücksfall - ein Brahms-Sextett zustande kommen. Meistens steht auch ein Kammerorchesterstück auf dem Programm, ein Satz aus einer Symphonie Karl Friedrich Abels oder auch das Dritte Brandenburgische von Bach. Es bleibt Greiners Gespür überlassen, im Laufe der Woche Selbsteinschätzung und musikalische Fertigkeiten der Teilnehmer in Übereinstimmung zu bringen. Dann die Probenarbeit. Am Morgen, kurz vor 9.30 Uhr, fiedelt und geigt es aus dem großen Übungsraum, als sei ein Symphonieorchester zugange. Toni, ein Arzt und Hobbymusiker, fingert auf seiner edlen Mittenwalder Geige noch einige Tonleitern. Claudia neben ihm ist schon leicht genervt, weil sich ihre A-Saite ein ums andere Mal verstimmt.

Schließlich gibt Greiner den Auftakt zum ersten Satz. Alle sind sofort konzentriert bei der Sache. Nach wenigen Takten finden die Musiker zusammen, hören sich ein. In einigen Gesichtern ist die Anspannung zu lesen, nicht aus dem Takt zu fallen, aber der gemeinsame Klang trägt. Schließlich rundum Zufriedenheit, dass man ohne Unter- brechung durchgekommen ist.
Greiner spricht ein paar bogentechnische Aspekte an, lässt ausprobieren. Er schulmeistert nicht, das kommt an. Zwischendurch werden ein paar Takte in sehr langsamem Tempo wiederholt, um die Tonreinheit zu schulen; die Instrumentalisten sollen "durchhören", mitbekommen, was sich musikalisch bei den anderen Instrumenten ereignet.

Die anfänglichen Aufgeregtheiten der Laienmusiker sind bald verschwunden und haben der Neugierde Platz gemacht.Stück für Stück stellt sich diszipliniertes Spielen ein, der Orchesterklang verbessert sich. Am Ende eines fast vierstündigen Probenvormittags ist es dem Dozenten sogar gelungen, spielerisch eine halbe Stunde Grundlagentechnik zu vermitteln. Schließlich spürt man an der ausgelassenen Stimmung während des Mittagessens, wie konzentriert zuvor gearbeitet wurde. Toni verschiebt trotz verführerischer Tortelli con patate den Wein auf die Abendstunden, damit ihm bei der nächsten Probe das Notenbild nicht verschwimmt.

Am Nachmittag steht Kammermusik auf dem Programm. Die Gruppen ziehen sich in die verschiedenen Räumlichkeiten zurück. Claudia spielt bei Haydns Lerchenquartett die zweite Geige. Greiner hört eine ganze Weile zu, dann unterbricht er kurz: "Achtet auf die Agogik!" Niemand kann mit diesem Fachbegriff so recht etwas anfangen. Die Erklärung ist einleuchtend: voranspielen, ohne im Tempo zu eilen. Als die Stelle ein zweites und drittes Mal geprobt wird, klingt sie anders, frischer, überzeugender.
In der kurzen Zeit, die zur Verfügung stehe, könne man nur Anstöße geben, das eine oder andere verbessern, meint der Dozent. Am Abend leiht er sich Tonis Geige aus und spielt mit einigen Unermüdlichen eines der frühen Mozart-Quartette. Einige hören zu, Toni schlürft genüsslich seinen Wein. "Astrein", sagt er und fügt mit leiser Selbstironie hinzu: "So kann's auch klingen." Den Frühjahrskurs hat er schon gebucht. Claudia auch.