Pressestimmen

Es macht Krach. Hurra!

Selbstversuch in Sedlbrunn oder: Wie schnell beherrscht man ein Saxofon?

Von Friederike Herrmann (DIE ZEIT 9.8.2001)

Die Pferde von Gut Sedlbrunn sind überhaupt nicht verdutzt und grasen seelenruhig weiter. Die 15 Saxofonisten neben ihnen lassen sie kalt. 15 tiefe C blasen diese mit aller Kraft zu einer Linde hin, die zwei Hügel weiter steht. »Ich will Blätter fallen sehen«, hat Saxofonlehrer Bastian Fiebig gefordert. Die Linde mag das Zittern kriegen, die Pferde kennen das schon. Es ist nicht der erste Saxofonkurs auf Gut Sedlbrunn. »Das ist gut, dann scheuen die Tiere nicht so schnell«, meint eine Reiterin. Rosskuren. Saxofon-Schnupperkurs übers Wochenende. Quer durch die Republik sind wir zu Gut Sedlbrunn gereist, einem Tagungshotel nördlich von Augsburg. Um die ersten Töne auf dem Lieblingsinstrument des Jazz zu erproben, brauchten wir keinerlei Vorkenntnisse, versicherte der Prospekt. Wirklich nicht? Am Bahnhof treffe ich Monika, 58, Künstlerin und Kunsterzieherin aus Köln. Im Taxi zum Hotel senkt sie plötzlich verschwörerisch die Stimme: »Sind Sie irgendwie musikalisch? Ich meine - spielen Sie ein Instrument?« - »Nein, überhaupt nicht«, flüstere ich zurück. »Nur als Kind ein bisschen Blockflöte. Und Sie?« - »Auch nicht«, sagt Monika. Erleichtert lehnen wir uns in unsere Sitze zurück. Wir sind schon mal zu zweit.

Ob wohl ein Ton kommen wird? Am ersten Abend sitzen 15 Novizen vor 15 geöffneten Koffern, in denen 15 blitzende Altsaxofone mit verwirrend vielen Klappen und Kläppchen liegen. Und fürchten sich. Oder bin das nur ich allein? Zunächst die einfache Übung: Das Instrument zusammenbauen. Wir montieren sorgsam das empfindliche Mundplättchen aus Holz und üben, auf dem Mundstück zu pfeifen. Das funktioniert, ein Glück. Wir bringen den Halsgurt - »das Gildezeichen der Saxofonisten« - auf die richtige Höhe. Wir verziehen die Mundwinkel saxofonistenlike nach unten, pikiert, als wollten wir sagen: »We are not amused.« Wir lernen Klappen und Kläppchen zu drücken, das C, das A, das G, das H, das F. Bastian Fiebig sagt etwas über Erwachsene, die nie rumprobieren, sondern immer alles sofort perfekt können wollen. »Das wäre wie ein Kind, das erst zu sprechen anfangen will, wenn es sagen kann: »Guten Tag, mein Herr. Und nicht erst mal quäkt: Tach.«

Damit sind wir vorbereitet: Der Moment für den ersten Ton ist da. Ton? Pphh. Bei mir kommt nur ein Pusten. Wenn man vor lauter Aufregung die Unterlippe zu fest presst, kann das Mundplättchen nicht vibrieren, sagt Bastian. Oh ja, jetzt quietscht es schon. Um mich herum 14 hoch konzentrierte Gesichter: Pfft, tuut, pfumpf. Das C, das A, das G, das H, das F. Oder so ähnlich. Ein leises Instrument ist das Saxofon jedenfalls nicht. Manche, sagt Bastian, erschrecken über die Lautstärke des ersten Tones so sehr, dass ihnen anschließend die Luft wegbleibt. Doch keine Stunde nachdem wir die Instrumente ausgepackt haben, tröten, pfeifen und brummen 15 Saxofone durcheinander. Vorwitzige wandern schon ins Dampfbad nebenan, das außer Betrieb ist, dort hallt es so gut. Nur wer innehält, ahnt, wie zweckdienlich es ist, dass Gut Sedlbrunn in der Einöde liegt. Wir eben noch so Zaghaften scheinen plötzlich unempfindlich wie ein antiautoritärer Kindergarten, an den Tröten verteilt wurden. Es macht Krach. Hurra!

Die Begeisterung über den ersten Ton sei es, die ihn immer wieder Schnupperkurseunterrichten lässt, sagt Bastian. Der 36-jährige Saxofonist, der feine Klassik- und Jazzkonzerte gibt, aber auch mit der Schlagersängerin Michelle auftritt, behauptet: »Ich gehöre nicht zu denen, die um jeden Preis Musik machen müssen.« Er, der sich glaubwürdig einen barocken Typen nennt und ganz ernsthaft mal überlegte, auf den Weinhandel umzusteigen, will vor allem eins vermitteln: »Lebensqualität und eine bestimmte Form der Kommunikation«. Er nimmt unsere Ängste aufs Korn. »Als der Herr Sax das Saxofon schuf, sagte Gottvater (Grollstimme): Umgib dieses Instrument mit einem Nimbus, sodass alle sofort sagen - boooah, muss das schwierig sein.« Innere Barrieren abbauen. Wer das Saxofon so liebt, dass er einen Kurs bucht, bringt schon mal das Wichtigste mit. Bastian glaubt nicht an Talent, er glaubt an Leidenschaft. Einen »kontrollierten Einstieg in die Sucht« will er uns bieten, wir sollen erproben, ob wir das Instrument mögen, uns damit wohlfühlen. Der Spaß macht die Musik.

Große Saxofonisten werden wir Schüler zwischen 35 und 60 sowieso nicht mehr. »Wenn einer aus dem Kurs heimfährt und sagt: Das war ein Superwochenende und hat tierisch Spaß gemacht, und ich freue mich darauf, dass ich nächste Woche anfange, Klarinette zu lernen, weil mir die doch besser gefällt - dann ist das für mich ein gutes Ergebnis.« Aber keiner dürfe heimfahren und sagen, ich bin unmusikalisch oder zu dumm und was dergleichen Angst-Argumente noch sind. Mitunter fühlen wir uns wie in einer Wir-werfen-jetzt-unsere-Angst-einfach-weg-Therapie - aber es funktioniert doch. Ein Einwand wie von Monika: »Und Noten kann ich auch nicht« gilt nicht. »Mein Sohn kann auch nicht lesen. Und spricht schon seit fünf Jahren.«

Wir üben ohne Noten. Nach und nach lernen wir die verschiedenen Griffe, laufen mit unseren Saxofonen aus dem birkenumstandenen Hof heraus, durch die Felder, zur Pferdekoppel und suchen derweil mit den Fingern die Orientierung zwischen Klappen und Kläppchen, verziehen den Mund saxofonistenlike, bis wir Muskelkater kriegen, und proben Töne und ganz allmählich auch kleine Fantasiemelodien. Wir improvisieren, behauptet Bastian.

Weshalb er am Samstagnachmittag, nachdem wir uns nun schon einen ganzen Abend und Vormittag erproben konnten, die Zeit für unseren ersten Auftritt für gekommen hält. Das Saxofon, das expressive, ist schließlich nichts fürs stille Kämmerlein. Wir sollen spielen, was uns in den Sinn kommt, und er improvisiert auf dem Klavier dazu. Einzeln. Vor der ganzen Gruppe. Nur, wer will natürlich. Die meisten zwingen sich zu wollen, und wir werden kollektiv blass. Aber los. Maria wankt während des Spiels immer gefährlich von den Hacken auf die Zehenspitzen, sodass man befürchten muss, dass sie irgendwann das Übergewicht des Saxofons zu Boden reißt. Alexander läuft ständig auf und ab, und weil er Kinderpsychiater ist, fühlt er sich verpflichtet, die Diagnose selbst zu liefern: »Spannungsabfuhr.« Was ich mache, als ich an der Reihe bin, weiß ich nicht, denn ich bin damit beschäftigt festzustellen, ob irgendwelche Töne kommen. Ich hätte im Zusammenspiel auf meinem Fis bestehen sollen, sagt Bastian hinterher. Nachdenklich gehe ich auf meinen Platz zurück. Welcher meiner Töne war wohl dieses Fis?

Aber was ist das? Eine Melodie, es swingt. Das ist Anke. Nun gut, abgesehen davon, dass sie als Tontechnikerin beste Musikkenntnisse hat, hat sie bereits ein halbes Jahr zu Hause auf ihrem eigenen Saxofon rumprobiert. Eine von den »Pseudoschnupperern«, wie Mona das nennt. Aber das ist es nicht allein, was plötzlich den ganzen Kurs mitschwingen lässt. Da ist noch mehr, auch Bastian strahlt: Die schmeißt sich einfach rein, die Lady hat den Blues. Es lässt sich nicht leugnen: Wir lernen unterschiedlich schnell.

Aber am Abend, in den terrakottagefliesten Gewölbekellern von Gut Sedlbrunn, spucken wir alle große Töne: Sollten wir nicht zur Hochzeit, die gerade nebenan gefeiert wird, aufspielen? War der Fotograf heute nicht auch ganz beeindruckt und hat dreimal gefragt, ob wir erst gestern begonnen hätten? Maulhelden. Die Saxofone sind in sicherer Entfernung im Übungsraum.

Und doch: Als wir uns am Sonntagvormittag im Spiel alle auf die Töne der Pentatonik-C-Dur-Tonleiter beschränken, klingt es gar nicht mehr wie Tröten. Mit etwas guten Willen könnte man sich an melodische Kirchenglocken erinnert fühlen. Und jetzt, ausgerechnet jetzt, sollen wir aufhören? Man hätte es doch wagen können, ganz ohne Vorkenntnisse den dreimal so langen Wochen-Schnupperkurs zu buchen, finden wir beim Mittagessen. Hilft nix. Die Saxofone werden auseinander gebaut, die Koffer zugeklappt. Bei der Ausfahrt aus dem Hoftor werfe ich den Pferden noch einen neidischen Blick zu. Die haben die Angst vor dem Saxofon wirklich ganz verloren.


Information

Kursangebot: Musikferien für Laien unterschiedlichen Spielniveaus bietet der Veranstalter musica viva. Im Programm sind Kurse für Saxofon, Klavier, Klarinette, Gitarre, Flöte, Bigband, Kammermusik, Tango und Gesang. Neueinsteiger können Schnupperkurse für Klavier, Saxofon, Klarinette und Gesang buchen. Die meisten Kurse finden in der Toskana statt und dauern eine Woche, Kurse übers Wochenende werden in Deutschland angeboten. Die Dozenten sind erfahrene Musiker und Lehrer

Unterkunft: Die Teilnehmer wohnen in Landhäusern mit individuellem Charakter in meist sehr reizvoller Umgebung. Der Standard ist unterschiedlich, die Gäste sind meist in Zweibettzimmern untergebracht. In der Regel können auch Begleitpersonen mitkommen, die nicht an dem Kurs teilnehmen

Kosten: Ein Wochenendschnupperkurs Saxofon kostet inklusive Unterkunft und Verpflegung 495 Mark, ein Wochenkurs in der Toskana ist bei Halbpension ab 1175 Mark zu haben. Saxofone können gegen Aufpreis geliehen werden
Auskunft: musica viva, Am Mittelberg 9, 65201 Wiesbaden, Tel. 0611/941 02 46; Fax
42 92 68. www.musica-viva.de


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