Sabine Hentzel
Lena ist 33 und steht, wie man so schön sagt, mit beiden Beinen im Leben, so sehr, dass sie sich unter der vielen Arbeit manchmal selber nicht mehr wieder findet. Sie mag ihren Job, deshalb gibt man ihr auch immer mehr. Immer mehr Arbeit, an diesem Freitag morgen fühlte sie sich, als hätte sie gestern zuviel getrunken, alles tat ihr weh und sie kriegte einfach ihr Gehirn nicht in Gang. Jedenfalls fühlte es sich beim Denken an, als würde feuchter Sand durch die Denkleitungen geprügelt. In diesem Zustand wird sie heute nichts Vernünftiges zustande bekommen, ihre Arbeit lebt vom reibungslosen Funktionieren ihrer Gedanken. Sie fröstelte. Das Alltagsgrau hielt sie fest in seiner Umklammerung. Emotionen unerwünscht.
Viel zu lange war sie auf dieser Autobahn gestern Nacht, wieder einmal war sie zu spät aus dem Büro aufgebrochen und sie hatte vorher noch kurz in der Stadt nach einem Mitbringsel gesucht, für die Fahrt morgen, zu einer Freundin, Katti. Wieder sieben Stunden Fahrt, es wird gehen. Die Geige wird sie wohl dieses mal zuhause lassen, die Freundin mag keine selbst gemachte Musik, die steht auf Sprachen, auch gut. Lena hatte eine italienische Zeitung gekauft, mit der sie den Selbstlernkurs Italienisch für Katti verpacken wollte. Sie wird sich sicher freuen, Lena hatte alles gut vorbereitet und freute sich auf das Wiedersehen. Was sie ebenfalls fand bei ihrem Bummel durch die Stadt war ein kleines Tamburin, ein Einhand-Tamburin, vier Schellen, ein Stiel, keine Trommel, nicht rund, einfach nur ein kleines schepperndes Ding. Teuer? Nein. Ein paar Minuten später lag es obenauf in ihrem Rucksack und ging mit auf die Reise … nach Hause.
Als sie es heute morgen auspackte, mit knirschendem, nur halb funktionierendem Gehirn, flogen ihre Gedanken zurück an einen Ort, an dem die Musik in ihrem Herzen noch lebendig war, präsent, echt, gegenwärtig. Ein Urlaub, nach dem sie sich das erste mal in ihrem zehnjährigen Berufsleben an wichtige Passworte einfach nicht mehr erinnern konnte. In eine andere Welt, in die Welt der Musik:
Sie sah sich in Gedanken wieder durch die Nacht fahren, lange auf abgelegenen Strassen, langsam um keinen Fehler zu machen beim Verfolgen der Wegbeschreibung, sie öffnete das Fenster, es roch nach Meer. Der Mond stand niedrig und sah riesig aus. Sie atmete tief ein, dort, der Abzweig muss es sein, hinter einer Brücke den Berg hinauf, ziemlich steil. Weinberge. Olivenhaine. Knorrige Hölzer säumten den Weg. Die Serpentinen führten sie weiter den Berg hinauf. Der Alltag begann von ihr abzufallen bei dem Gedanken, dass sie ab nun eine ganze Woche lang Zeit hat, sich von morgens bis abens nur der Musik und ihrer Geige zu widmen, wie schön. Sie wird andere Menschen treffen, die ihre Liebe zur Musik teilen, mit ihnen Zeit verbringen, eine ganze Woche lang. In ihr klangen Lieder inspiriert von den Zikaden, deren Gesang durch das geöffnete Autofenster drang, Vorfreude machte sich breit, jetzt endlich geht es los. Da! Das Schild, Villa Musica. Sie hatte sich sehr verspätet, Mist, verdammter, schon wieder. Parkplatz, Koffer, den Geigenkasten, jemand steht in der Tür und lächelt … man hat ihr ein warmes Abendbrot aufgehoben und empfing sie mit freundlichen Worten, sie war so dankbar für den herzlichen Empfang, fühlte sich heimisch.
Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, klappernde Teller, Frühstück im Freien, schallten aus einem Zimmer schon die ersten Klänge, es gab also tatsächlich so Besessene wie sie. Noch am selben Abend saß sie auf dem Fußboden des Probenraumes und lauschte dem Klavierspiel einer Kursteilnehmerin, wie sie dem Bild eines Ozeans bezaubernden Klang verlieh (Hanna, sie schreiben sich heute noch eMails). Es wurde ein echter Urlaub, kurzärmlig blinzelnd in der Sonne mittem im September. Die Abgeschiedenheit in den Bergen der Toskana hat ihre ganz eigenen Klänge. Sie lauschte Probenden bei der Vorbereitung auf ihr erstes Konzert, Cappuchino trinkend und Pasta essend, tauschte sich mit anderen aus, und manchmal stimmte sie ein in ein Stück, daß ein paar Instrumente miteinander improvisierten und gab dieser Musik einen eigenen Anstrich, einen weiteren Touch. Und auf einmal waren sie eins, die Instrumente, die Musik und sie und die Autobahn war auf einmal weit weg und das Büro auch und die Arbeit. Sie versank in den Melodien der Weinberge und dem Sound der Instrumente, die hier einmal singen durften wonach ihnen der Klangkörper stand, den ganzen Tag lang. Wenn der Unterricht vorbei war, saßen sie abends noch lang beieinander und sangen, spielten, erzählten und lachten gemeinsam bis weit nach Mitternacht bis auch die Zikaden irgendwann still waren und vermutlich schlafen gingen.
Als sie nach jener Woche wieder zur Arbeit fuhr, hatte sie Abstand, war sie gelassen, ausgeruht und erholt.
Mit dem Gefühl, dass sie nichts mehr aus der Ruhe würde bringen können und einem Lächeln im Gesicht stieg sie die Treppen zum Büro …
Eine Stimme riß sie aus ihren Tagträumen: „Es ist wohl Zeit, wieder zu buchen.“ Hörte sie ihren Freund sagen, der ihr sanft einen Kuß auf die Stirn drückte und versonnen das Tamburin in die Hand nahm. „Diesmal gemeinsam?“ Fragte er. Das Tamburin schepperte leise.
Absolut empfehlenswert, Urlaub bei musica-viva .. auch wenn mein erster Urlaub damit endete, dass ich meinen eigenen Testserver hacken musste, weil ich das Administratorpassword vergessen hatte und leider auch das Password zur Passworddatei.